Silvio Gesell, * 17. März 1862 in St. Vith/Eifel (damals preussisch, heute belgisch), † 11. März 1930 in Eden bei Berlin, Kaufmann, Landwirt, Begründer der Freiwirtschaftslehre.
In den Jahren 1887 bis 1900, 1906 bis 1911 und 1924 war Silvio Gesell Kaufmann in Argentinien. Die heftigen Wirtschaftskrisen des Landes, die seine Geschäftstätigkeit stark beeinflussten, regten ihn zum Nachdenken über die strukturelle Problematik des Geldwesens an. 1891 veröffentlichte er in Buenos Aires seine erste währungstheoretische Schrift Die Reformation des Münzwesens als Brücke zum sozialen Staat. 1900 bis 1906 und 1914 bis 1919 wohnte er in Les Hauts-Geneveys (NE), 1919 in Redlikon-Stäfa (ZH), wo seine Frau wohnen blieb, als er nicht mehr in die Schweiz einreisen durfte. Er betätigte sich als Landwirt, studierte die Werke von Adam Smith, Karl Marx, Pierre Joseph Proudhon und beschäftigte sich mit den Werken der Bodenreformer Henry George und Michael Flürscheim. Er war auch politisch und schriftstellerisch tätig. Sein Hof in Les Hauts-Geneveys wurde zum Treffpunkt für Wandervögel, Lebensreformer und Freiwirtschafter. Er inspirierte den 1915 in Bern gegründeten Schweizer Freiland-Freigeld-Bund (später Schweizer Freiwirtschaftsbund).
Im April 1919 war er eine Woche als Volksbeauftragter für das Finanzwesen in der ersten bayrischen Räteregierung tätig. Nach deren Sturz wurden er und sein Rechnungsbeirat Theophil Christen zunächst des Hochverrats angeklagt und in Stadelheim inhaftiert, von dieser Anklage aber wieder freigesprochen. Darauf zog er in die Nähe von Berlin, da ihm die Schweiz als “unerwünschtem Ausländer” die Wiedereinreise verweigerte.
1911 bis 1914 und ab 1927 bis zu seinem Tod wohnte er in der Obstbaukolonie Eden bei Oranienburg. Gesell war Vegetarier aus ethischen Gründen, aber wie bei der Abstinenz nicht ganz konsequent.
Edi Muster und Edi Goetschel
