Fritz Wartenweiler (auch Friedrich Georg Wartenweiler), * 20. August 1889 in Kradolf im Kanton Thurgau, † 20. Juli 1985 in Frauenfeld, Erwachsenenbildner, Lebensreformer, Pazifist und Volksaufklärer.
Wartenweiler besuchte die Kantonsschule Frauenfeld und machte 1909 die Matura. An der Kantonsschule macht er Bekanntschaft mit dem vom Wandervogel und der Landerziehungsheimbewegung beeinflussten Lehrer Karl Matter. 1910 (?) leistete er Militärdienst und hielt sich als Student der Altphilologe kurz in Berlin auf, wo sein um drei Jahre älterer Bruder zu der Zeit Fortbildungskurse für Arbeiter organisierte. Vom Studium enttäuscht reiste er nach Dänemark weiter und studierte in Kopenhagen Philosophie. Während diesem Aufenhalt lernte er die dänischen Volkshochschulen kennen und fasste den Entschluss, sich in der Schweiz für die Schaffung derartiger Einrichtungen einzusetzen. Im Frühjahr 1912 kehrte Wartenweiler in die Schweiz zurück und schloss in Zürich sein Studium mit der Dissertation Ein nordischer Volkserzieher. Die Entwicklung N. F. S. Grundtvigs zum Vater der Volkshochschule ab. Im selben Jahr heiratete die etwa 9 Jahre ältere Elsa Haffter.
Ab 1913/14 übernahm Wartenweiler Stellvertretungen auf verschiedenen Stufen der Volksschule, 1914 wurde er zum Leiter des kantonalen Lehrerseminars in Solothurn und zum dortigen Schulinspektor berufen. Von 1914 bis 1917 leistete er verschiedene Aktivdiensteinsätze, 1917 legte er das Amt als Solothurner Seminardirektor nieder und leistete weitere, auch freiwillige Einsätze in der Armee, im November 1918 etwa als Sanitäter zur Pflege von hunderten aus Zürich evakuierten grippekranken Soldaten und der streikenden Arbeiter, wobei er die Spannungen zwischen Arbeitern und Bürgern und der Gefahr eines Bürgerkrieges erlebte. Im April 1919 machte er den ersten Versuch der Verwirklichung seiner Volkshochschulidee im “Nussbaum”, Frauenfeld: Täglich 3 Stunden Arbeit auf dem am Rand von Frauenfeld gepachteten “Bächliacker”, später auf dem “Algisserhof” für die jungen Erwachsenen aus eher städtischem Milieu, Arbeit in der eigenen Mostpresse und einer rudimentären Konservenfabrik für junge Erwachsene aus bäuerlichem Milieu, dazu gemeinsame Aussprachen, Vorträge, Handwerk, Volkstanz, Singen etc. im gemeinsamen Heim (siehe dazu: “Blätter vom Nussbaum” und “ein neues Blatt vom Nussbaum”), Schulung der eigenen drei Kinder zu Hause (home schooling) als interessantes pädagogisches Projekt. In dieser Zeit kam es zum Kontakt mit Emil Roniger, dem Gründer des Rotapfelverlages, in dem viele seiner Schriften erschienen.
1926 konnte die Pacht des Hofes wegen der Rückkehr seines Besitzers aus Südamerika nicht verlängert werden; deshalb und wegen des relativ geringen Echos auf welches der “Nussbaum” bei denen stiess, welche Wartenweiler damit erreichen wollte, entschloss er sich, auf Rat seines Berner Oberländer Freundes Ernst Frautschi, selbst zu den Jungen zu gehen, wenn diese nicht zu ihm kommen wollten. Er weitete die bereits zuvor begonnenen Tätigkeit aus als Vortragsredner und Kursleiter (besonders auch “Jungmänner-Kurse”) an verschiedenen Orten der Schweiz; intensisierte die schriftstellerischen Arbeit als Ergänzung dieser Tätigkeit und publizierte zahlreiche Schriften, etwa auch für das “Schweizer Jugendschriftenwerk” (SJW). Hauptthemen waren Selbsterziehung und Selbstfindung, gesundes Leben, gesunde Ernährung, Pazifismus, Politik, grosse Menschen und Vorbilder.
Während der 1930er Jahre baute er das Volksbildungsheim auf dem Herzberg (Eröffnung 1936). Nach dem Beginn des spanischen Bürgerkrieges 1937 lancierte er zusammen mit Rodolfo Olgiati und anderen die Schweizer “Spanienkinderhilfe” als humanitäre Hilfe vor Ort. Während des 2. Weltkrieges intensivierte er seine Vortragstätigkeit im Rahmen von “Heer und Haus” zur moralischen Stärkung und menschlichen Bildung der Wehrdienst Leistenden. Ab etwa 1955 ergänzte er das “Herzberg-Seminar” durch die Angebote der “Jugend-Akademie”. Wartenweiler war Mitbegründer des “Schweizerischen Vereins für Erwachsenenbildung”. Noch 1978 machte er eine dreiwöchige Reise durch die Volksrepublik China.
Martin Näf
