Vor 100 Jahren, im März 1911, hielt Rudolf Steiner in Prag elf Vorträge. Franz Kafka besuchte zwei davon, wenn nicht gar alle Vorträge und traf sich mit Steiner.
Im 1. Tagebuch-Heft berichtet Kafka ausführlich über seinen Besuch bei Steiner:
Mein Besuch bei Dr. Steiner.
Eine Frau wartet schon (oben im 2. Stock des Viktoriahotel in der Jungmannsstraße) bittet mich aber dringend vor ihr hineinzugehn. Wir warten. Die Sekretärin kommt und vertröstet uns. In einem Korridordurchblick sehe ich ihn. Gleich darauf kommt er mit halb ausgebreiteten Armen auf uns zu. Die Frau erklärt, ich sei zuerst dagewesen. Ich geh nun hinter ihm wie er mich in sein Zimmer führt. Sein an Vortragabenden wie gewichst schwarzer Kaiserrock, (nicht gewichst, sondern nur durch sein reines Schwarz glänzend) ist jetzt bei Tageslicht (3″ nachmittag) besonders auf Rücken und Achseln staubig und sogar fleckig. In seinem Zimmer suche ich meine Demut, die ich nicht fühlen kann, durch Aufsuchen eines lächerlichen Platzes für meinen Hut zu zeigen; ich lege ihn auf ein kleines Holzgestell zum Stiefelschnüren. Tisch in der Mitte, ich sitze mit dem Blick zum Fenster, er an der linken Seite des Tisches. Auf dem Tisch etwas Papiere mit paar Zeichnungen, die an jene der Vorträge über okkulte Physiologie erinnern. Ein Heftchen Annalen für Naturphilosophie bedeckt einen kleinen Haufen Bücher, die auch sonst herumzuliegen scheinen. Nur kann man nicht herumschauen, da er einen mit seinem Blick immer zu halten versucht. Tut er es aber einmal nicht, so muß man auf die Wiederkehr des Blickes aufpassen. Er beginnt mit einigen losen Sätzen: Sie sind doch der Dr. Kafka Haben Sie sich schon länger mit Teosophie beschäftigt? Ich aber dringe mit meiner vorbereiteten Ansprache vor: Ich fühle wie ein großer Teil meines Wesens zur Teosophie hinstrebt, gleichzeitig aber habe ich vor ihr die höchste Angst. Ich befürchte nämlich von ihr eine neue Verwirrung, die für mich sehr arg wäre, da eben schon mein gegenwärtiges Unglück nur aus Verwirrung besteht. Diese Verwirrung liegt in Folgendem: Mein Glück, meine Fähigkeiten und jede Möglichkeit irgendwie zu nützen liegen seit jeher im Litterarischen. Und hier habe ich allerdings Zustände erlebt (nicht viele) die meiner Meinung nach den von Ihnen Herr Doktor beschriebenen hellseherischen Zuständen sehr nahestehen, in welchen ich ganz und gar in jedem Einfall wohnte, aber jeden Einfall auch erfüllte und in welchen ich mich nicht nur an meinen Grenzen fühlte, sondern an den Grenzen des Menschlichen überhaupt. Nur die Ruhe der Begeisterung, wie sie dem Hellseher wahrscheinlich eigen ist, fehlte doch jenen Zuständen, wenn auch nicht ganz. Ich schließe dies daraus, daß ich das Beste meiner Arbeiten nicht in jenen Zuständen geschrieben habe. – Diesem Literarischen kann ich mich nun nicht vollständig hingeben, wie es sein müßte, undzwar aus verschiedenen Gründen nicht. Abgesehen von meinen Familienverhältnissen könnte ich von der Litteratur schon infolge des langsamen Entstehens meiner Arbeiten und ihres besonderen Charakters nicht leben; überdies hindert mich auch meine Gesundheit und mein Charakter daran, mich einem im günstigsten Falle ungewissen Leben hinzugeben. Ich bin daher Beamter in einer socialen Versicherungsanstalt geworden. Nun können diese zwei Berufe einander niemals ertragen und ein gemeinsames Glück zulassen. Das kleinste Glück in einem wird ein großes Unglück im zweiten. Habe ich an einem Abend gutes geschrieben, brenne ich am nächsten Tag im Bureau und kann nichts fertig bringen. Dieses Hinundher wird immer ärger.
Im Bureau genüge ich äußerlich meinen Pflichten, meinen innern Pflichten aber nicht und jede nichterfüllte innere Pflicht wird zu einem Unglück, das sich aus mir nicht mehr rührt. Und zu diesen zwei nie auszugleichenden Bestrebungen soll ich jetzt die Teosophie als dritte führen? Wird sie nicht nach beiden Seiten hin stören und selbst von beiden gestört werden? Werde ich, ein gegenwärtig schon so unglücklicher Mensch die 3 zu einem Ende führen können? Ich bin gekommen Herr Doktor Sie das zu fragen, denn ich ahne, daß, wenn Sie mich dessen für fähig halten, ich es auch wirklich auf mich nehmen kann.
Er hörte äußerst aufmerksam zu, ohne mich offenbar im geringsten zu beobachten, ganz meinen Worten hingegeben. Er nickte von Zeit zu Zeit, was er scheinbar für ein Hilfsmittel einer starken Koncentration hält. Am Anfang störte ihn ein stiller Schnupfen, es rann ihm aus der Nase, immerfort arbeitete er mit dem Taschentuch bis tief in die Nase hinein, einen Finger an jedem Nasenloch.
In seiner Biographie Streitbares Leben berichtet Max Brod, der von sich schreibt, er selber habe Steiner später als einen bedeutenden Goethe-Kenner und Überlieferer alter, vornehmlich indisch-tibetanischer Weisheiten kennengelernt, anhand eines Gedächnisprotokolls aus dem Jahre 1952 über den Fortgang des Gesprächs.
Kafkas Hauptanliegen sei gewesen: “Ich bin von dichterischen Gedanken erfüllt. Und wie diese mich in der Erfüllung meiner täglichen Berufspflicht (in der ‘Arbeiter-Versicherungsanstalt’) hindern und andererseits von dieser Berufspflicht an ihrer Entfaltung gehindert werden, so beirrt mich das Ästhetische im Suchen des Religiösen.” Damit hätte er ausdrücken wollen, dass der Glauben das Primäre sei und dass die dichterische Gestaltung ihm minder wichtig erscheine. Steiner aber hätte ihn missverstanden und gemeint, Kafka vermisse bei religiösen Riten den Kult der Schönheit. Worauf er ihm ausführlich erklärt habe, dass bei den Zusammenkünften und Riten der Antroposophen die Belange der Schönheit gut gewahrt würden. Nach diesem Gespräch habe sich Kafka seines Wissens nie mehr ernsthaft mit der Antroposophie befasst.
Brod bemerkt dazu:
Vielleicht war Steiner durch den Schnupfen behindert (den Kafka so genau beschreibt), das Anliegen Kafkas genau zu erfassen. Aber da Steiner nach Ansicht seiner Anhänger göttliche Kräfte und Einsichten besass, hätte eigentlich ein solcher Lapsus nicht passieren dürfen. Übrigens zeigt sich bei diesem Anlass (ähnlich wie bei Kafkas Einstellung gegen Wunderrabbis der Chassisidm), dass er sehr vorsichtig war und (wie Kirkegaard im Falle Adler) sehr genau prüfte, ehe er jemandem Attribute eines Zusammenhangs mit dem Absoluten zusprach.
Auch Hans Dieter Zimmermann vergleicht die Begegnung Kafkas mit Steiner mit dem Besuch eines Wunderrabbis im September 1915 und schreibt dazu:
Hier die unpetitliche Art des Schnupfens und des Schnäuzens, dort der höchste Anspruch auf Weisheit: dieses Missverhältnis zwischen der Armseligkeit des Alltags, in dem wir leben, und der Erkenntnis der höheren Welten, nach der wir streben, kann nur ironisch dargestellt werden. Kafka hat es mit grimmiger Ironie immer wieder offen gelegt, auch an sich selbst.